Mut säen, Zukunft ernten

Beitrag vom 17.02.2026

Fachtag zu Demokratiebildung in ländlichen Räumen

Wie kann Demokratiebildung in ländlichen Regionen unter aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen gelingen?

Mit dieser Fragen kamen am 3.-4. Februar 2026 Fachkräfte aus Bildungszentren, Jugend- und Verbandsarbeit, Schulen, Kommunen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zum Fachtag „Mut säen, Zukunft ernten – Demokratiebildung in ländlichen Räumen“ zusammen. Zwei Tage lang wurde in der Heimvolkshochschule am Seddiner See diskutiert, erprobt, reflektiert und vernetzt.

Zwischen Unsicherheit und Engagement: Aktuelle Beobachtungen aus der Praxis

Während der gesamten Tagung sammelten die Teilnehmenden Beobachtungen aus ihrem Arbeitsalltag. Viele beschrieben eine Situation zwischen wachsendem Bedarf und schwierigen Rahmenbedingungen.

„Es bräuchte gerade so dringend viel Demokratie-Bildung – aber die öffentlichen Kassen sind leer.“ 
„Überforderung und Sorgen von pädagogischen Fachkräften aufgrund der politischen Lage.“ 
„Der Zugang zu unterschiedlichen Adressatengruppen wird schwieriger. Es braucht neue Wege und vor allem Ressourcen, diese auch zu gehen.“ 

Demokratiebildung findet in ländlichen Räumen oft in kleinen, tragenden Strukturen statt - in Vereinen, Initiativen, Schulen, Jugendclubs oder Bildungszentren. Gleichzeitig stehen viele Akteur*innen vor unsicherer Finanzierung, knappen personellen Ressourcen, weiten Wegen und der Herausforderung, unterschiedliche Lebenswelten miteinander ins Gespräch zu bringen.

Fachimpulse: Stadt-Land-Dynamiken, Resilienz und Handlungsspielräume

Mehrere Fachimpulse rahmten den Fachtag und die Diskussion:

Julia Ilper (freie Trainerin der Andreas Hermes Akademie) sprach über Resilienz und Selbstführung in unsicheren Zeiten und die Frage, wie Fachkräfte in einer „VUCA-Welt“ handlungsfähig bleiben können. Ilper betonte dabei mehrere Ebenen wie die Orientierung durch Werte („Nordstern“), das Anerkennen von Spannungsfeldern und die Wichtigkeit kollegialer Unterstützung, um die Handlungsfähigkeit zu stärken. Entscheidend sei nicht, alles verändern zu können, sondern „den nächsten verantwortbaren Schritt zu gehen“.

Nathalie Bock (John-Dewey-Forschungsstelle für die Didaktik der Demokratie, TU Dresden) stellte Perspektiven für Demokratiebildung jenseits städtischer Denkweisen vor und betonte die Bedeutung lokaler Lebensrealitäten. Sie machte deutlich, dass Demokratiebildung weit über bloße Wissensvermittlung hinausgeht. Im Zentrum stünden Urteilsfähigkeit, Teilhabe und Handlungsfähigkeit. Gerade in ländlichen Räumen bewegt sich de Demokratiebildung zwischen Nähe zu lokalen Akteur*innen und politischen Widerständen, zwischen Solidarität und Angriffen, zwischen Projektlogiken und fehlender Verstetigung. Diese Spannungen sind nicht nur Herausforderungen, sondern auch Ausgangspunkte für demokratisches Lernen. Demokratiebildung braucht daher langfristige Beziehungen, Erfahrungsräume und die Bereitschaft, Ambivalenzen auszuhalten. Mit Einblicken in der Sammlung „Einfach gut gemacht“ präsentierte sie neue Wege, unentdeckte Lernorte und erfrischende Formatideen.  

Nach beiden Impulse wurde im Tagungspadlet eine wichtige Erkenntnis geteilt:

„Überlastung ist systemisch, nicht individuell.“

Lukas Haffert (Universität Genf, Autor „Stadt Land Frust“) zeigte im Vortrag über den häufig beschworenen „Stadt-Land-Graben“, dass dieser weniger ein reiner Orts- als ein Alters- und Bildungsgraben ist. Anhand seiner Forschungsergebnisse stellte er dar, dass Polarisierung zwischen Stadt und Land umso deutlicher ausfällt, umso jünger die Menschen sind. Zugleich verwies Haffert auf unterschiedliche Erfahrungswelten: Während in städtischen Kontexten häufig akademische und institutionelle Perspektiven dominieren, spielen in ländlichen Räumen Erfahrungswissen, lokale Netzwerke und unmittelbare Lebensrealitäten eine größere Rolle. Konflikte entstehen oft dort, wo Menschen das Gefühl haben, dass ihre Lebenswirklichkeit nicht ausreichend gesehen oder anerkannt wird, so folge eine „ländliche Verbitterung“. Pauschale Zuschreibungen helfen jedoch wenig. Entscheidend sind Formate, die unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und miteinander ins Gespräch bringen. Bildungsangebote sollten stärker an regionale Kontexte anknüpfen, Vertrauen aufbauen und Beteiligung ermöglichen.

Im Tagungspadlet wurde auch die Frage aufgeworfen: „Wird einem die Kompetenz als akademischer Städter  in den ländlichen Räumen abgesprochen?“ Gleichzeitig fragten sich Teilnehmende in der Fishbowl-Diskussion am zweiten Tag, ob sie zu nah an der Perspektive ihrer Teilnehmenden sind und so oft ein kontroverser Blick fehlt.

Workshops: Methoden, Perspektiven und kollegialer Austausch

In praxisorientierten Workshops arbeiteten die Teilnehmenden zu unterschiedlichen Themenfeldern:

Medienkompetenz stärken
Julia Behr
(Medienpädagogin beim JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis) beleuchtete wie Jugendliche politische Inhalte wahrnehmen und wie sich Dialog- und Reflexionsräume für kritisches Denken und digitale Urteilsfähigkeit im Alltag von Jugendlichen fördern lassen. Methoden wie „Fake oder Real?“-Übungen oder gemeinsame TikTok-Analysen wurden ausprobiert und Möglichkeiten aufgezeigt, wie Medienkompetenzen kontinuierlich und lebensnah vermittelt werden können.

Wut als Ressource nutzen
Im Workshop „Mut zur Wut“ mit den Kunstpädagoginnen Franziska Kühn und Jeanne Schmidt ging es um kreative Zugänge, um Gefühle auszudrücken und in Handlung zu überführen. Sie zeigten ganz praktisch und mit Reflexionseinheiten auf, wie kreative Zugänge Mädchen und junge Frauen stärken können, um Wut als Ressource für Selbstwirksamkeit und politische Stimme zu nutzen. Folglich auch, um sie für kommunales Engagement zu motivieren.
Eine Teilnehmerin erkannte für sich: „Kreativität kann mutig machen und Gefühle verändern.“

Rechte Strategien erkennen
Der Workshop von Jell Schwager, FARN - Fachstelle für Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz, beschäftigte sich mit typischen Strategien rechtsextremer Akteure in ländlichen Räumen und mit Handlungsmöglichkeiten für Fachkräfte. Besonders wichtig: kollegiale Beratung, Argumentationstrainings und Solidarität im Netzwerk.

Perspektivwechsel ermöglichen – Beteiligung stärken
Im Workshop „Pop the bubble“ der freien politischen Bildnerin und vormaligen Kollegin im Projekt des VBLR Leonie Heins wurde deutlich: „Konflikte sind eine positive Lernerfahrung.“ Methoden zur Meinungsvielfalt und zum Perspektivwechsel helfen, Dialogräume zu öffnen und demokratische Kompetenzen zu stärken. Diese wurden ausprobiert und reflektiert.
Ebenso konnten Teilnehmende im Workshop „Haltung finden, Perspektiven entdecken – Demokratiebildung in ländlichen Räumen“ mit Politikwissenschaftler und politischem Bildner Jonas Osterhöver von Haus Neuland Methoden zur Arbeit mit Ambivalenzen, Beteiligung und lokalen Lebenslagen vertiefen.

Geschlechterreflektierte Arbeit
Auch geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen* und jungen Männern war Thema. Sozialwissenschaftler und Referent Sebastian Scholz richtete den Fokus auf Biografiearbeit, Rollenbilder und Sprache. Nicht nur im Workshop, auch in den Diskussionen am zweiten Veranstaltungstag rückte in den Fokus, dass die Stärkung und geschlechtsspezifische Arbeit mit jungen Männern ein äußert bedeutsamer Fokus in der ländlichen Demokratiebildung ist. Diese Zielgruppe gut zu erreichen, ist gleichzeitig ein große Herausforderung.

Spannungen und Handlungsspielräume

Während des Fachtagses wurde deutlich: Demokratiebildung in ländlichen Räumen bewegt sich selten in klaren Lösungen, sondern in Spannungsfeldern.

1.      Nähe vs. professionelle Distanz

In ländlichen Räumen sind Beziehungen eng, Rollen überschneiden sich, Konflikte bleiben lange sichtbar. Bildungsakteur*innen sind oft gleichzeitig Nachbar*innen, Vereinsmitglieder oder Eltern. Dem gegenüber stehen Handlungsspielräume und Mutmacher: Vertrauen und langfristige Beziehungen sind ein großer Vorteil der ländlichen Regionen, klare Haltung und transparente Kommunikation stärken Glaubwürdigkeit. Kleine Schritte wirken stärker als in Städten, denn Präsenz vor Ort zählt und Netzwerke bieten Rückhalt.

2.      Erwartungsdruck vs. begrenzte Ressourcen

Hohe Erwartungen an Demokratiebildung treffen auf kleine Teams, weite Wege, knappe Mittel und wenig Zeit. Doch machen wirksame Kooperationen zwischen Trägern und Regionen Mut. Es gibt oft die Möglichkeit vorhandene Strukturen zu nutzen, statt alles neu aufzubauen. Es existiert eine Vielzahl an Methoden, die niedrigschwellig und übertragbar sind und Austauschformate bieten gegenseitige Entlastung.

3.      Konfliktvermeidung vs. notwendige Auseinandersetzung

In kleinen Gemeinschaften wird Konflikt oft vermieden, gleichzeitig sind kontroverse Themen zentral für Demokratiebildung. Dialogräume zu schaffen, gibt allen Seiten Sicherheit:  Themen werden besprechbar gemacht, auch indem Ambivalenzen gemeinsam ausgehalten werden, anstatt schnelle Lösungen zu suchen. Methoden für Perspektivwechsel helfen Bildungsakteur*innen dabei, Gespräch statt Polarisierung in den Fokus zu rücken.

4.      Ohnmachtsgefühle vs. Handlungsspielräume

Viele Akteur*innen erleben gesellschaftliche Polarisierung, politische Frustration oder rechtsextreme Präsenz als belastend. Was hilft, ist den Fokus auf das zu richten, was im eigenen Einflussbereich liegt. Hier gilt es, Selbstfürsorge und kollegiale Unterstützung sowie Resilienz als professionelle Kompetenzen auch in Teams zu etablieren. In den Worten von Julia Ilper müssen wir „Spielbeine statt nur Standbeine“ als kleine Handlungsmöglichkeiten erkennen.

5.      Stadt-Land-Narrative vs. reale Vielfalt

Der „Stadt-Land-Graben“ wird oft vereinfacht dargestellt, obwohl ländliche Räume sehr unterschiedlich sind. Was den Teilnehmende Mut macht, ist es immer wieder differenzierte Perspektiven einzunehmen, lokale und persönliche Erfahrungen ernst zu nehmen, regionale Identitäten als Ressource zu nutzen und Räume für Begegnung zu schaffen.

Die Teilnehmenden bündelten, das was MUT macht und richteten den Fokus damit auf das wesentliche der ländlichen Bildungsarbeit:

„Ressource WIR – die Kraft von Allianzen.“ 
„Aktive andere tolle Menschen mit vielen kreativen Ideen.“ 
„Mehr Begegnungsorte in den ländlichen Räumen schaffen.“

Die Rückmeldungen zeigen: Demokratiebildung in ländlichen Regionen lebt von Netzwerken, Vertrauen und gemeinsamen Lernräumen.

Austausch jenseits des Seminarraums

Eine gemeinsame Abendaktion im Wald und am zugefrorenen Seddiner See schuf Raum für einen besonderen Moment der persönlichen Reflexion und des Austausch. Im Anschluss bestand die Möglichkeit für informelle Gespräche in gemütlicher Atmosphäre - ein wichtiger Bestandteil des Fachtags und der Haltung der Heimvolkshochschulpädagogik. Denn gerade in herausfordernden Arbeitskontexten braucht es Orte, an denen Fachkräfte Kraft schöpfen, Erfahrungen teilen und neue Perspektiven entwickeln können. Formell und informell.

Der Fachtag machte deutlich:

Demokratiebildung in ländlichen Räumen ist herausfordernd, aber sie ist lebendig, kreativ und getragen von engagierten Menschen. Sie braucht Zeit, Ressourcen, Netzwerke und Räume für Austausch.
Und sie braucht Mut. Mut, Spannungen auszuhalten. Mut, im Gespräch zu bleiben. Mut, um gemeinsam Zukunft zu gestalten.

Danke an alle Referent*innen, Workshopleitenden und Teilnehmenden,
die ihre Erfahrungen, Fragen und Perspektiven eingebracht und diesen Fachtag geprägt haben.


Der Fachtag fand im Rahmen des Projekts:
„Abgehängt? Eingeholt! Jung, ländlich & vielfältig“
statt – ein Projekt des Verbands der Bildungszentren im ländlichen Raum,
koordiniert von der Andreas Hermes Akademie. Gefördert durch das BMBFSFJ und die DZ-Bank Stiftung.

Die Dokumentationen, Materialien und Methoden aus den Workshops sind für die Teilnehmenden im Padlet verfügbar.


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